Trump Tweets @ Gustavo Alàbiso

Trump Tweets

Am Anfang stand kein politisches Bild, kein Tweet und auch kein Plan für eine Serie. Am Anfang stand eine Festplatte. 2014 verlor ich nach einem Unfall mit meiner Backup-Festplatte den Zugriff auf mein gesamtes digitales Bildarchiv. Ein Albtraum für jeden Fotografen: Jahre von Arbeit, Bilder, Erinnerungen, Aufträge – plötzlich nicht mehr erreichbar. Die erste Software, die ich zur Rettung der Daten einsetzte, tat, was Programme in solchen Momenten offenbar gern tun: Sie verstand die Lage falsch. Statt die Fotografien wiederherzustellen, setzte sie Fragmente verschiedener Bilder zu neuen, fehlerhaften Kompositionen zusammen. Gesichter trafen auf fremde Räume, Körperteile verbanden sich mit Landschaften, Farben und Strukturen verschoben sich. Zunächst sah ich darin nur den Beweis eines technischen Desasters. Dann begann ich, genauer hinzusehen. Die beschädigten Bilder waren nicht einfach misslungen. Sie waren rätselhaft, manchmal komisch, manchmal verstörend – und auf eine merkwürdige Weise überzeugender als die Originale.

 

Der Festplattencrash hatte offenbar die Verweise zerstört, die einzelne Bilddaten miteinander verbanden. Die Rettungssoftware fand Teile, aber nicht mehr ihren richtigen Zusammenhang. Sie kombinierte, was nicht zusammengehörte, und erzeugte dadurch Bilder, die ich selbst nicht hätte planen können. Ein Fehler wurde zum Ausgangspunkt einer neuen fotografischen Sprache. Damit begann meine Beschäftigung mit der digitalen Materialität des Bildes. Ein digitales Foto ist keine unantastbare Oberfläche. Es besteht aus diskreten Pixeln, denen mathematische Werte zugeordnet sind. Werden diese Werte verändert, verändert sich das Bild. Peter Lunenfeld beschreibt diese Möglichkeit als eine „visuelle Alchemie“: Das digitale Bild kann bearbeitet, umgeschrieben und bis zur Unkenntlichkeit verwandelt werden.

 

Ich suchte nach einer Methode, diesen Zufall nicht nur einmal zu erleben, sondern bewusst hervorzurufen – ohne dafür jedes Mal eine Festplatte opfern zu müssen. So stieß ich auf die Glitch Photography. In ihr werden Fehler nicht beseitigt, sondern erzeugt und gestaltet: Bilddateien werden manipuliert, Strukturen verschoben, Informationen beschädigt, bis aus dem technischen Störfall ein neues Bild entsteht. Der Zufall liefert dabei das Material, aber das Ergebnis bleibt nicht zufällig. Jedes Bild verlangt Auswahl, Wiederholung, Korrektur und den Versuch, aus der Störung eine Form zu entwickeln. Glitch Art macht digitale Fehlfunktionen bewusst zum ästhetischen Material. Aus diesem Verfahren entstand die Serie *„Trump Tweets“. Ihr Ausgangspunkt ist das Porträt eines Donald-Trump-Doppelgängers, das in unterschiedlichen digitalen Bearbeitungen erscheint. Die Figur wird vervielfacht, zersetzt, überlagert und neu zusammengesetzt. Sie wirkt elektrisch, grell, instabil und zugleich erstaunlich gegenwärtig – als würde das Bild selbst nicht entscheiden können, ob es Person, Nachricht, Störung oder Karikatur sein will.

Trump steht hier nicht nur für eine einzelne politische Figur. Er steht für eine Form der Kommunikation, in der Nachrichten, Urteile, Beschimpfungen und Behauptungen in Sekunden um die Welt gehen. Seine Tweets waren politische Interventionen, mediale Ereignisse und Bilderzeugungsmaschinen zugleich. Die Serie fragt danach, was geschieht, wenn digitale Verbreitung schneller arbeitet als Einordnung, wenn ein Satz zur Schlagzeile wird und eine Figur sich in unzähligen Versionen reproduziert. Dass Twitter Trumps Konto im Januar 2021 dauerhaft sperrte, zeigt im Rückblick, welche politische Reichweite und Brisanz diese Form der Kommunikation erreicht hatte. Die Bilder verweisen zugleich auf die Verletzlichkeit der Systeme, denen wir täglich vertrauen. Software ordnet, bewertet, berechnet und entscheidet – oft unbemerkt. Doch sie arbeitet nicht außerhalb der menschlichen Welt. Sie wird von Menschen entwickelt, mit Annahmen, Regeln, Lücken und Grenzen versehen. Die Untersuchungen zu den Abstürzen der Boeing 737 Max und zum tödlichen Uber-Unfall zeigen auf tragische Weise, welche Folgen technische Fehlinterpretationen und unzureichend berücksichtigte Situationen haben können. „Trump Tweets“ versteht digitale Störung deshalb nicht bloß als Effekt. Die Serie zeigt eine Welt, in der Bilder, Informationen und politische Figuren ständig neu zusammengesetzt werden. Sie erinnert daran, dass das digitale Netz keine neutrale Sphäre ist: Es ist von Menschen gemacht, von Menschen programmiert – und daher auch von Menschen manipulierbar.