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Ornina Syrian Orchestra

Seit 2023 begleite ich das Ornina Syrian Orchestra fotografisch. Das Projekt führt mich zu Proben, Konzerten und Reisen, aber ebenso zu den stillen Momenten dazwischen: zu Gesprächen vor dem Auftritt, konzentriertem Warten, gemeinsamem Essen, Humor, Erschöpfung und der spürbaren Vertrautheit einer Gruppe, die nur für kurze Zeit an einem Ort zusammenkommt. Die Musikerinnen und Musiker leben heute überwiegend in verschiedenen europäischen Ländern. Für ein oder zwei Konzerte im Jahr finden sie sich zusammen, proben wenige Tage unter der Leitung von Shafi Badreddin und werden für diese Zeit zu einer musikalischen Gemeinschaft.

Im Zentrum meiner Arbeit steht die Frage, was Musik bewahren kann, wenn ein gemeinsamer Herkunftsort weit entfernt ist. Für viele Mitglieder des Orchesters ist Syrien Erinnerung, Familiengeschichte, Sprache, musikalische Tradition und zugleich ein Land, dessen Gegenwart von tiefen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt ist. Ornina hält die Verbindung zu diesem kulturellen Erbe lebendig. Zugleich ist das Orchester mehr als ein Erinnerungsort: Es verbindet syrische Musikkultur mit Gegenwart, künstlerischer Arbeit und einem europäischen Lebensalltag. Das Orchester selbst beschreibt seine Aufgabe als Pflege des reichen syrischen Musikerbes und als Öffnung für zeitgenössische Kompositionen.

Meine Fotografien wollen diese Spannung sichtbar machen. Sie zeigen nicht allein das Konzert als fertige Aufführung, sondern den Weg dorthin: die intensive Arbeit während weniger gemeinsamer Probentage, den Blickkontakt zwischen Dirigent und Orchester, das Nebeneinander von Anspannung und Gelassenheit sowie die Nähe, die aus gemeinsam erlebter Musik entsteht. Die erste umfangreichere Reportage entstand im Mai 2024 während der Vorbereitungen zum Konzert „Hauran“ in Stuttgart-Untertürkheim und beim Konzert in der Liederhalle Stuttgart.

Mit den politischen Umbrüchen in Syrien und den wieder möglichen Reisen in das Herkunftsland hat sich auch die Situation von Ornina verändert. Das Orchester ist nicht mehr nur eine im Exil entstandene Gemeinschaft, deren Zusammenhalt sich selbstverständlich aus einer gemeinsamen Erfahrung erklärt. Damit stellt sich eine neue, offene Frage: Wie kann sich diese Gemeinschaft unter veränderten Bedingungen weiterentwickeln? Welche künstlerische Identität kann sie aus ihrer syrischen Herkunft heraus entwickeln, ohne auf diese Herkunft reduziert zu werden?

Für mich liegt die besondere Kraft von Ornina in seiner Offenheit. Die Musikerinnen und Musiker bilden eine internationale und vielfältige Gemeinschaft, die durch Musik verbunden ist. Das Projekt erzählt von kultureller Zugehörigkeit, aber ebenso von Austausch, Respekt und der Möglichkeit, Unterschiede nicht als Grenze, sondern als gemeinsame künstlerische Erfahrung zu begreifen. Meine Langzeitdokumentation begleitet diesen Prozess – ohne fertige Antworten vorwegzunehmen. Sie beobachtet, wie aus Erinnerung, Begegnung und Musik immer wieder ein neuer gemeinsamer Raum entsteht.