Gustavo Alàbiso - Immagina Riesi Die Kreuzigung Jesu, Riesi, 2017

Immagina Riesi

Dies ist eine besondere Reportage für mich, es geht um meine Mitschüler aus der Grundschule. Wir haben zusammen von 1968 bis 1973 die Grundschule des evangelischen Zentrums „Servizio Cristiano“ in Riesi, Sizilien, besucht. Das Schulgebäude, visionärer Architektur der 60er Jahre, war mitten in einen Olivenhain gebaut, dort hatten wir, zusätzlich zu den normalen Fächern, auch Musik- und Englischunterricht. Wir kümmerten uns um eine selbstgedruckte Schülerzeitung und um die Hamster. Eine Bibliothek stand uns zur Verfügung und jede und jeder mußte regelmäßig ein Buch lesen. In dieser Ganztagschule vermischten sich modernste Erziehungsmethoden mit den Werten, die dieses Zentrum verkörpern wollte: Gleichheit, Respekt und Toleranz. Aus diesem Grund gab es eines nicht: Religionsunterricht.

Diese Menschen, die zum Teil meine Freundinnen und Freunde geblieben sind, leben heute in Sizilien, Norditalien, Deutschland und Belgien. Sie sind, wie wir alle, das Produkt einer Mentalität, Erziehung und Kultur, aber sie sind auch Individuen mit eigenem Willen und Schicksal.

Anhand meiner Fotos und der Interviews von zwei italienischen Journalisten, Daniele Arghittu und Salvatore Falzone beschreiben uns außerdem Zeitzeugen das Riesi der ’60er und ’70er Jahre.

Auf Grund der Schließung der nahegelegenen Schwefelbergwerke, wegen der unzeitgemäßen Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Kulturen, wegen Korruption, Misswirtschaft und Mafia hatten die meisten Bewohner nur eine einzige Perspektive: die Emigration!

Umgekehrt aber gab es Menschen, die in die entgegengesetzte Richtung – nach Riesi zogen. Protestanten aus ganz Europa, sie wollten diese Umstände ändern. Vor den Toren Riesis gründeten sie das Zentrum, „Servizio Cristiano“, wo sie als religiöse Gemeinschaft lebten. Dort betrieben sie einen Kindergarten, eine Grundschule, eine Schule für die Ausbildung von Metalldrehern. Im Dorf selbst wurde eine pädiatrische Praxis und eine Beratungsstelle für die Familienplanung (eine der erste in Italien) gegründet.

Auch diese Menschen erzählen ihre Sicht auf Riesi, Fremde, die aus einem anderen Kulturkreis kamen, die an andere Lebensbedingungen gewohnt waren.

Heute leben sie wieder in ihren Heimatländern, in der Schweiz, in Deutschland oder Norditalien, und dort wiederum wurden sie von uns fotografiert und interviewt.

Diese Arbeit wurde vom Kulturamt der Region Siziliens (Regione Siciliana, Assessorato dei Beni Culturali e dell’Identità Siciliana) finanziert.