Das Buchprojekt „CALL IT CORONA“ verband zwei gegenläufige Entwicklungen: die langwierige Suche nach einer Finanzierung für einen Bildband über die Corona-Pandemie in Deutschland – und den allmählichen Bedeutungsverlust eines Themas, das wir für ein wichtiges Zeitdokument hielten. Wir waren während der Pandemie ständig von Bildern und Berichten umgeben und bemerkten zunächst nicht, dass das öffentliche Interesse, sich weiterhin mit dieser Zeit auseinanderzusetzen, immer geringer wurde. Für viele Menschen war die Pandemie vorbei, und sie waren erleichtert darüber. Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 rückte die Pandemie zusätzlich aus dem Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Trotzdem bin ich froh, dass es gelungen ist, dieses Buch zu realisieren. Die Corona-Pandemie hat die Welt verändert: Sie prägte den Alltag, das Arbeiten, die Kultur, die persönlichen Beziehungen und den Blick auf gesellschaftliche Verletzlichkeit. „CALL IT CORONA“ bewahrt fotografische Spuren dieser außergewöhnlichen Zeit.
Die zentrale Idee bestand darin, Fotografinnen und Fotografen einzuladen, die – wie wir – die Lockdowns und ihre Folgen in Deutschland dokumentiert hatten, und ihre Arbeiten in einem gemeinsamen Bildband zusammenzuführen. Die Zielgruppe waren zunächst Kolleginnen und Kollegen von FREELENS e. V., dem Berufsverband, dem auch die Mitglieder des Herausgeberteams angehören. Diese Entscheidung hatte zwei Gründe. Zum einen versprach die professionelle und persönliche Herangehensweise der beteiligten Fotografinnen und Fotografen eine große Vielfalt visueller Perspektiven. Aus den einzelnen Arbeiten sollte kein einheitlicher Blick auf die Pandemie entstehen, sondern ein vielstimmiges, dokumentarisches und künstlerisches Gesamtbild. Zum anderen konnten die Beteiligten selbst zu Unterstützerinnen und Unterstützern, späteren Käuferinnen und Käufern sowie wichtigen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für das Buch werden.
Finanzierung und Zusammenarbeit
Der Weg zur Finanzierung war lang. Zunächst prüften wir verschiedene Möglichkeiten externer Förderung. Als diese nicht zum Erfolg führten, entschieden wir uns für Crowdfunding. 297 Unterstützerinnen und Unterstützer beteiligten sich an der Kampagne. Zusammen mit der Förderung durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst, der Unterstützung von FREELENS und einem Sponsor konnte die notwendige Summe für die Realisierung des Buches erreicht werden. Das Crowdfunding erzielte 23.111 Euro.
Das Herausgeberteam bestand aus Valeska Achenbach, Gustavo Alàbiso, David Baltzer, Ralph Pache und Andreas Varnhorn. Da wir uns vorher nicht persönlich kannten und an fünf verschiedenen Orten in Deutschland lebten, arbeiteten wir über regelmäßige Videokonferenzen zusammen. Die während der Pandemie selbstverständlich gewordenen digitalen Treffen machten es möglich, das Projekt über mehr als zwei Jahre hinweg gemeinsam zu entwickeln und umzusetzen. Zunächst luden wir Kolleginnen und Kollegen ein, ihre Arbeiten einzureichen. Als die rund 4.000 eingegangenen Fotografien vorlagen, wurde schnell klar, dass wir die Auswahl nicht selbst treffen wollten. Unsere Vorstellungen davon, was ein gutes oder relevantes Bild über die Pandemie ausmacht, waren zu unterschiedlich. Deshalb entschieden wir uns bewusst für eine externe kuratorische Position. Mit Wolfgang Zurborn konnten wir einen erfahrenen Kölner Fotografen und Dozenten als Kurator gewinnen. Bereits zwei Wochen nach Beginn seiner Arbeit präsentierte er eine erste Auswahl. Zum ersten Mal wurde für uns sichtbar, wie aus den vielen unterschiedlichen Einreichungen ein Buch werden konnte: eine vielschichtige Bildfolge, in der die einzelnen Fotografien aus ihrem jeweiligen Kontext gelöst und zu einer neuen Gesamtkomposition verbunden wurden.
Projektleitung und Ergebnis
Die erste kuratorische Auswahl gab dem Projekt einen wichtigen Impuls, doch die organisatorische Arbeit blieb anspruchsvoll. Die regelmäßigen Videokonferenzen waren auf Dauer ermüdend, Entscheidungen dauerten, und alle Beteiligten mussten das Projekt neben ihrem Berufs- und Privatleben vorantreiben. Niemand aus dem Herausgeberteam wollte die umfangreiche organisatorische Leitung zusätzlich übernehmen.
In dieser Situation kam Kordula Jambor zum Projekt. Dass sie Zeit und Interesse hatte, die Aufgabe zu übernehmen, war für uns ein Glücksfall. Als Projektleiterin strukturierte sie die Zusammenarbeit, formulierte mit uns Ziele, hielt deren Umsetzung nach und sorgte dafür, dass aus den Gesprächen konkrete nächste Schritte wurden. Auch die Sitzungen erhielten nun Protokolle. Kordula Jambor trug entscheidend dazu bei, dass das Buch schließlich realisiert werden konnte. Wolfgang Zurborn und Kordula Jambor waren selbstverständlich mit Kosten verbunden. Für uns waren diese Ausgaben jedoch unverzichtbare Investitionen: Durch unser ehrenamtliches Engagement schufen wir den finanziellen und organisatorischen Raum, damit professionelle Kuratierung und Projektleitung möglich wurden.
„CALL IT CORONA“ erschien im Oktober 2023 bei Edition Bildperlen. Der 256 Seiten starke Bildband vereint 280 Fotografien von 89 Fotografinnen und Fotografen aus ganz Deutschland. Er zeigt die Pandemie nicht als ein einziges Ereignis, sondern in vielen unterschiedlichen Bildern: leere Straßen, geschlossene Kulturorte, Isolation und Einsamkeit, Klinikalltag, Familienleben und die Arbeit derjenigen, die unter den Bedingungen der Pandemie weiterarbeiteten.
Das Buch ist damit nicht nur ein gemeinsames Werk von 89 Kolleginnen und Kollegen. Es ist ein fotografisches Archiv einer Zeit, die im Alltag schnell in den Hintergrund geraten ist, deren Erfahrungen und Folgen jedoch weit über die Lockdowns hinausreichen.
Herausgeberteam: Valeska Achenbach, Gustavo Alàbiso, David Baltzer, Ralph Pache, Andreas Varnhorn; Projektleiterin: Kordula Jambor; Editor: Wolfgang Zurborn; Buchgestalterin: Nicole Keller; Verlag: Edition Bildperlen, Gedruckt in Deutschland: Druckerei Kettler, ISBN 978-3-96546-513-8


























