Momschanz

„Mummenschanz“ bezeichnete ursprünglich ein Würfelspiel, das von maskierten Menschen während der Fastnachtszeit gespielt wurde. Erst später erhielt das Wort die heutige Bedeutung: Maskerade, Maskenspiel, Verkleidung. Das Wort enthält also von Anfang an beides: das Spiel mit dem Zufall und die Lust daran, für einen Moment jemand oder etwas anderes zu sein. Seit Beginn der Corona-Pandemie mussten wir lernen, Pläne zu verschieben, Vorhaben zu verändern oder ganz aufzugeben. Wir improvisierten, passten uns an und suchten nach neuen Wegen. Vielleicht war diese Anpassungsfähigkeit die menschlichste Antwort auf eine Zeit, in der vieles nicht mehr möglich war – und in der zugleich ausgerechnet Masken zum alltäglichen, notwendigen Begleiter wurden.

Als sämtliche Faschingsveranstaltungen abgesagt worden waren, initiierte Brigitte Reisz, die künstlerische Leiterin von AHOI studios e.V., gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern das Projekt MOMSCHANZ. AHOI studios arbeitet als künstlerische Kollaboration und setzt sich für gelebte Inklusion in der Kunst ein. In den Wintermonaten des harten Lockdowns entstanden Masken: nicht als Schutz vor einem Virus, sondern als Anlass, sich mit Verkleidung, Rollen, Gesicht und Identität auseinanderzusetzen. Die fertigen Masken wurden im Hof des Vereins zum Ausgangspunkt eines Videos. Der ausgefallene Fasching hatte sich – zumindest künstlerisch – in die Osterzeit verschoben. Aus der Absage entstand so ein neues Corona-Projekt: absurd, geheimnisvoll, farbig und voller jener Lebenskraft, die sich auch von einem Lockdown nicht vollständig einsperren lässt. Die Ausstellung selbst beschrieb die Arbeiten als Auseinandersetzung mit den „Facetten des Seins“.

Im Rahmen meiner Fotodokumentation über die Auswirkungen des Lockdowns in Karlsruhe stieß ich zufällig auf die Dreharbeiten. Ich blieb. Das Projekt, die Masken und vor allem die Menschen faszinierten mich sofort. Für mich war es eine neue Erfahrung, über längere Zeit mit Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung oder psychischer Erkrankung zusammenzuarbeiten und zu fotografieren. Schnell wurde deutlich: Hier ging es nicht um ein sozialpädagogisches Thema, das man von außen illustrieren könnte. Es ging um Persönlichkeiten, um Fantasie, um Ausdruck und um den sehr eigenen Blick jedes einzelnen Menschen auf sich selbst und auf die Welt. Während der Aufnahmen entstand deshalb die Idee, die Künstlerinnen und Künstler nicht nur mit ihren Masken, sondern auch ohne sie zu porträtieren. Die Bilder stehen nebeneinander: das Gesicht und seine Verwandlung, die Person und ihre erfundene Figur, die unmittelbare Gegenwart und das Spiel mit einer anderen Identität. Die Maske verdeckt nicht einfach. Sie zeigt auch etwas – vielleicht sogar Dinge, die ohne sie unsichtbar geblieben wären. Video, Masken und Fotografien wurden vom 24. April bis 28. Mai 2021 in den Räumen der Karlsruher Digitaldruckerei Citydruck in der Hirschstraße gezeigt. „MOMSCHANZ“ erinnert daran, dass Kunst nicht trotz der Einschränkung entstehen kann, sondern manchmal gerade aus ihr: als Antwort, als Trotzreaktion und als Einladung, die Wirklichkeit für einen Augenblick anders zu sehen.