Wie fotografiert man einen Ort, an dem scheinbar nichts geschieht? Leere Straßen, geschlossene Türen und abgesperrte Räume wurden im Frühjahr 2020 zu Bildern einer Einschränkung des öffentlichen Lebens, wie sie zuvor kaum vorstellbar gewesen war. Menschen mit FFP2-Masken, in Abstand zueinander wartend, standen für eine radikale Reduzierung menschlicher Nähe. Die Pandemie selbst blieb unsichtbar. Sichtbar wurden ihre Folgen: Schilder, Absperrbänder, Abstandsmarkierungen, gestapelte Stühle, leere Plätze und der veränderte Umgang miteinander. Wie lässt sich daraus ein bleibendes, vielleicht auch ein schreiendes Dokument schaffen? Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie waren zunächst unspektakulär: Hände waschen, Abstand halten, Maske tragen, Kontakte reduzieren, später testen und impfen. Ihre Bedeutung erschließt sich in den Fotografien erst aus dem Wissen um ihre Entstehungszeit. Die Bilder sprechen die Pandemie nicht unmittelbar an; sie zeigen eine Stadt und ihre Menschen unter Bedingungen, die den Alltag grundlegend verändert hatten.
Von März bis Juni 2020 fotografierte ich in Karlsruhe die Auswirkungen des ersten Lockdowns. Im Dezember 2020 erschien daraus die Broschüre „Ihr fehlt mir!!!“ mit 54 Fotografien. Der Titel stammt von der Wandtafel des „Kiosk am Ludwigsplatz“. Die Wirtin hatte dort geschrieben: „Ihr fehlt mir!!!“ – mit genau diesen drei Ausrufezeichen. Dieser Satz wurde zum emotionalen Kern der Arbeit: ein direkter Ausdruck von Sehnsucht nach Begegnung, Öffentlichkeit und Normalität. Beim ersten Lockdown faszinierte und provozierte mich vorwiegend der öffentliche Raum. Ich fotografierte Orte, die eigentlich belebt sein sollten: Schulen, Museen, Theater, Sportstätten, Straßen und Plätze. Die Serie „Leere Räume“ zeigt diese ungewohnte Stille nicht als bloße Abwesenheit, sondern als sichtbare Folge politischer und gesellschaftlicher Entscheidungen. Von November 2020 bis Juni 2021 setzte ich die Dokumentation während des zweiten, strengeren Lockdowns fort. Jetzt wollte ich nicht mehr nur die Veränderungen im Stadtraum festhalten. Ich suchte nach Geschichten von Menschen, deren Leben sich in Wohnungen, Schulen, Laboren, Kliniken, Büros oder improvisierten Arbeitsorten abspielte. Die Dokumentation begann Ende November 2020, als immer mehr öffentliche Veranstaltungen abgesagt wurden und die Stadt grau, nass und bedrückend wirkte.
Über Facebook fragte ich, wer Weihnachten 2020 anders als sonst verbringen würde und bereit sei, sich fotografieren zu lassen. Es meldeten sich einige befreundete Menschen – und Monika Seelmann. Ihr Porträt, aufgenommen am 24. Dezember 2020 hinter der Fensterscheibe ihrer Wohnung, wurde zum Symbol der Dokumentation. Es steht für den Titel „Ihr fehlt mir!!! für das Gefühl, anderen nahe sein zu wollen und doch getrennt zu bleiben. Ab Januar 2021 kam eine weitere Frage hinzu: Wie sieht das Coronavirus aus? In elektronenmikroskopischen Aufnahmen erscheint es als kugelförmiges Virus mit einer charakteristischen, kronenartigen Struktur. Im Alltag begegnet es jedoch nicht als Bild, sondern als Testergebnis, Kurve, Zahl oder statistischer Wert. Im MVZ Labor Dr. Volkmann wurde deutlich, wie sich eine Infektion nach einem komplexen laborchemischen Verfahren in einer Kurve abbilden lässt, die den Verlauf der PCR-Auswertung sichtbar macht.
Die Arbeit führte mich an Orte, die während der Pandemie eine neue Bedeutung erhielten: in den Bundesgerichtshof, an dem Urteile unter besonderen Bedingungen verkündet wurden; in Schulen, in denen digitaler Unterricht organisiert wurde; zu Livestream-Konzerten; in das zentrale Impfzentrum, zu Impfteams und zur Bundeswehr; auf die Intensivstation des Städtischen Klinikums; sowie in die Produktion von FFP2‑Masken. Bildung, Gesundheit und Kultur wurden zu den großen thematischen Schwerpunkten der zweiten Phase der Dokumentation.
Mehr als eineinhalb Jahre nach ihrem Beginn war diese Arbeit auch eine Auseinandersetzung mit meinen eigenen Erwartungen. Wie viele andere hatte ich gehofft, die Pandemie würde rasch vorübergehen. Die Warnungen der Epidemiologinnen und Epidemiologen wirkten lange wie die Prophezeiungen Kassandras: nachvollziehbar, aber schwer auszuhalten und deshalb leicht zu verdrängen. Die Pandemie war jedoch mehr als eine medizinische Krise. Sie machte die Folgen unzureichender Digitalisierung sichtbar, verschärfte soziale Ungleichheiten, bedrohte Existenzen und drängte viele Menschen in Einsamkeit und Isolation. Auch wenn die unmittelbaren Einschränkungen enden, bleiben diese Erfahrungen und ihre Folgen bestehen. Die Fotografien von „Ihr fehlt mir!!!“ wollen diese Zeit nicht erklären. Sie bewahren ihre sichtbaren Spuren – und erinnern an das, was in ihnen nicht unmittelbar zu sehen ist.























