Gustavo Alàbiso - YVO Artikelbild

YVO

Meine Tante Yvonne Long ist am 29.01.2017 gestorben. Sie hieß eigentlich Ivonne, aber sie hat nie großen Wert auf dieses „I“ gelegt. Als wir ihre Wohnung in Lugano räumen mussten, haben wir offizielle Dokumente mit Y gefunden, andere mit I und sogar ein J war dabei. Für uns war Yvonne Yvo.

Sie wurde, genau wie ihre zwei Geschwister, in Jacinto Arauz in Argentinien geboren. Mit 7 Jahren siedelte sie mit ihrer Familie nach Uruguay über, in das Land, das sie prägen würde, „da noi“ – „bei uns“ sagte sie gerne.

Ihr Vater war Waldenserpfarrer und kam 1928 aus dem Piemont nach Argentinien, um die dortige Waldensergemeinde zu betreuen. Die Waldenser waren Migranten, die die Armut der „Waldensertäler“ in den Kottischen Alpen in Italien hinter sich gelassen hatten und in Südamerika ihr Glück suchten. Yvos Mutter kam aus einer bürgerlichen Familie aus Mailand und wurde dort Pfarrerfrau.

Nach dem Tod der Ehefrau, kamen Vater und Tochter, Yvo war zu dem Zeitpunkt 30 Jahre alt, nach Italien und kurze Zeit später in die Schweiz, wo er eine Stelle als Pfarrer bei der Evangelischen Gemeinde in Lugano fand. Sie, als ausgebildete Krankenschwester, bekam eine Anstellung am Städtischen Krankenhaus.

Vater und Tochter lebten fortan in einer Wohnung zusammen, für mich war es das Normalste der Welt, sie immer zusammen zu sehen, sie hat sich um „Papi“, wie sie ihn nannte, gekümmert, und er hat ihr die Stabilität und Sicherheit gegeben, die sie brauchte.

Ihrer beider Leben war gut, nach den harten Jahrzehnten in Südamerika konnten sie in der Schweiz den Wohlstand eines reichen Landes genießen. Sie kaufte sich ein Auto, sie wurde unabhängig und reiste mit ihren Freundinnen nach Griechenland, nach Spanien, nach Paris. Sie besuchte regelmäßig das Konzerthaus in Lugano und sie blieb trotzdem ein Familienmensch, sie besuchte uns jedes Jahr in Sizilien, oder flog nach Uruguay, um dort ihren Bruder in Montevideo zu besuchen und um ihre vielen Freunde wieder zu sehen, um ihre Sehnsucht zu stillen.

Nachdem sie ihren Vater in ein Altenheim bringen musste, weil er nicht mehr allein bleiben konnte, begannen bei ihr Depressionen. Nur mit Medikamenten konnte sie das psychische Gleichgewicht halten. Sie kümmerte sich um meine Mutter, als sie schwer krank wurde. Sie war für die Familie immer präsent, wir waren für sie, obwohl keiner in ihrer Nähe lebte, das Bollwerk gegen den Rest der Welt. Mit zunehmendem Alter zog sie sich immer mehr in ihre Wohnung zurück.

Diese kurze und unscheinbare Geschichte ist ein Leben gewesen, und weil ich an diesem Leben teilgenommen habe, als Kind, als Jugendlicher und als erwachsener Mensch, hat es mich berührt, wir haben uns um sie bis zum Schluss gekümmert.

Dieses Leben erzähle ich anhand der Fotos, die ich in ihrer Wohnung gefunden habe. In Bildern, in denen die Zeit festgehalten ist, das Bild mit der Puppe, wo „Ivoncita“ ihre Tante Alma in Italien begrüßt wurde 1940 gemacht. Ihr Passfoto mit dem jungen und fragenden Blick ist von 1964. Sie als Krankenschwester 1968, mit Papi zusammen1978. Ihr Leben und mein Leben: Yvonne in Riesi mit meinem Bruder – und ich mit einem weißen Wundpflaster am Kopf. Erinnerungen, die schmerzen, weil alles schon lange vorbei ist und doch so lebendig bleibt, weil mich die Fotos daran erinnern.

Das Projekt „Yvo“ werde ich durch eine Reise nach Uruguay und Argentinien 2019 abschließen. Zum ersten Mal werde ich die Orte besuchen, wo sie gelebt hat, die Orte ihrer Kindheit und Jugend, die Orte, die sie immer erwähnte, die Orte, die sie „da noi“ nannte.