Heinrich Weitlauff, Jahrgang 1907

Das Interview fand in Heidelberg am, 27. Juli 1995 statt.

Wie ging damals das Volk damit um, dass dauernd die Regierung gewechselt hat?

­ Da kamen allmählich judenfeindliche, antisemitische Strömungen auf. Früher, in meiner Schulzeit, hat man nichts gegen die gehabt, das waren Menschen wie wir auch.

Aber ich kann mich erinnern, in der Oberrealschule, da hatten wir einen jüdischen Mitschüler, mit dem kam ich oft ins Gespräch. Eines Tages sagte ein anderer Klassenkamerad zu mir : „ Mit dem Jud ‘ red ‘sch Du ? “ Der hat so ein einfaches Abzeichen aus Blech getragen, mit einem Hakenkreuz drauf, mir war das gar nie aufgefallen. Ich habe auch nichts gegen die Juden gehabt. Aber die Strömung kam dann allmählich auf, und durch diese Not hat der Hitler das ausnützen können. Da wurden dann Versammlungen abgehalten, die bekamen immer mehr Zustrom. Als es dann soweit war, hat er die SA und die SS eingeführt. Ich war auch in der SA drin. Anfangs ging das tadellos, die Leute waren plötzlich von der Straße weg, es gab keine Arbeitslose mehr, weil der in seinen Formationen die Leute übernommen hat, da wurde Schulung gemacht, da waren die beschäftigt. Damals wurde in Heidelberg der Marinesturm aufgemacht, eine SA-Formation, da war ich drin. Wir mussten im Baggersee rudern, und da haben wir uns wohl gefühlt. Früher war zwischen den Ruderclubs immer eine Art Feindschaft, dann wurden die vereinigt und das war dann erloschen, wir haben uns gut unterhalten. In der SA haben wir uns alle geduzt, bis zum Scharführer.

Einmal ist mir passiert, als ich schon Kassier in der Bank war, dass ein Neuer in die Filiale kam. Selbstverständlich habe ich immer gesiezt, ich wollte in der Bank nicht duzen. Aber Freitag abends beim SA-Dienst, sehe ich, dass der auch da drin war. Da habe ich mit dem geredet und natürlich mussten wir uns duzen. Auch die Kameradschaftsabende, muss ich immer wieder sagen, waren wertvoll. Da saß der Rechtsanwalt neben dem Straßenkehrer, natürlich per Du, meinetwegen ein Professor der Uni war da dabei, und auch Handwerker: Da war alles eins, das war vielleicht das Schöne. Da hat man immer geahnt, das ist herrlich, das ist so richtig..., endlich kriegen wir jetzt mal Ruhe in Deutschland ... das war die Auffassung, und so wurde man, könnte man heute sagen, ... verführt. Man hat dem Hitler geglaubt, der hat schöne Reden gehalten, der konnte wunderbar reden, hat eine tiefe Stimme gehabt ...

Das gesamte Interview können Sie als PDF-Datei herunterladen >>>

>> zeitzeugen