Vorwort
Als 1995 des Endes des Zweiten Weltkrieges und des Dritten Reiches gedacht wurde, erwachte in mir wieder das Interesse, mehr über diese Zeit zu wissen. Seit sechs Jahren lebe und arbeite ich in Deutschland, ich habe „deutsche“ Freunde und Bekannte, und ich habe auch nie daran gezweifelt, in einem offenen und demokratischen Land zu leben.
Gerade deswegen wollte ich mehr darüber wissen, nicht um die Geschichte der Deutschen zu beurteilen, sondern um ihre Geschichte zu verstehen. Was in Italien geschah, wurde in meiner Schulzeit ziemlich gründlich gelehrt: „il ventennio fascista“ (die faschistischen 20er Jahre), „l’occupazione“ (die deutsche Besatzung) und „la resistenza“ (der Widerstand) sind die Grundlagen der heutigen Republik. Filme, Romane, politische und kulturelle Debatten haben das demokratische Empfinden gestärkt, und die älteren Leute trugen mit ihren Erzählungen dazu bei. Als Jugendlicher entstand in mir ein bestimmtes Bild von „den Deutschen“ , sie galten mir als Beispiel für Militarismus schlechthin: „blinder Gehorsam, eiserne Stimme!“ Nicht nur das Verhalten der Deutschen während der Besatzung erregte damals meinInteresse, sondern viel mehr die gezielte, planmäßige, rassistische Vernichtungspolitik des Nazi-Regimes. Von den Ereignissen, die in Deutschland das III. Reich ermöglicht haben, hatte ich eine einfache Vorstellung: ein Volk, das in seiner übergroßen Mehrheit ein verbrecherisches Regime „ans Ruder“ bringt, stillschweigend die Ausrottung der Juden zulässt und zum Schluss in einen blutigen und grausamen Krieg gegen die Welt stürzt. Dieses Bild war die Antwort, um mir zu erklären, wie einer der tiefsten und schwärzesten Momente der Menschheit zustande gekommen war. Als ich über das Thema mehr Informationen gesammelt hatte, wurde mir klar, dass der Aufstieg zur Diktatur in vielen Faktoren seine Ursache hatte, aber nur die Machtergreifung ermöglichte es Hitler, an die Macht zu kommen, und Europa in eine bis dahin nie erlebte Katastrophe zu stürzen ...
Heute sind die Städte wiederaufgebaut, die Spuren dieser Vergangenheit verschwunden, die architektonischen Wunden vernarbt. Trotzdem : es wird immer wieder darüber recherchiert, diskutiert, ausgestellt, und 50 Jahre danach an die Befreiung gedacht. So drängte sich in mir die Frage auf: die noch lebendenden Kriegsveteranen, die Zeitzeugen, was erzählen sie darüber? Sie haben diese Zeit wirklich miterlebt, ihr Leben und ihre Erinnerungen sind auch von diesen Ereignissen geprägt. Was sind heute ihre Gefühle? Wie haben sie sich in diesen 50 Jahren mit dieser Vergangenheit auseinandergesetzt?
Für mich war erstaunlich festzustellen, dass diese Menschen über ihre Geschichte und Erfahrungen sprechen wollten. Ich glaube, es hat drei Gründe: Erstens hat mein Interesse die Leute motiviert. Zweitens hatte ich keinerlei Informationen über diese Menschen, ich konnte keine konkreten Fragen stellen, damit haben sie freie Hand bekommen. Drittens, mein „Nicht-Deutsch-Sein“ hat mir einen neutralen „Status“ verschafft. Ich stelle heute fest, dass diese Interviews wie ein Tropfen im weiten Meer sind, sie bringen etwas Klarheit, die auf jeden Menschen einzeln zugeschnitten ist. Die Erinnerung ist eine subjektive Darstellung des Lebens, bei manchen handelt es sich um Erinnerungen bis zum I. Weltkrieg oder noch weiter zurück, ein Geschehen das 80-85 Jahre zurückliegt, und das mit den Augen und dem Empfinden eines Kindes erlebt wurde. Weiter: Die Befragten erzählen eine Realität durch den Filter der eigenen Ideen und Probleme. Aber diese Lebensausschnitte helfen uns, die Atmosphäre, die damals herrschte, zu begreifen, mit deren Augen zu sehen und bestimmte Gefühle zu verstehen.
Und wenn bei manchen Berichten gewisse Aussagen fehlen, kann man aus diesem Mangel oft genauso viel lesen, als ob darüber tatsächlich gesprochen würde. Damit wird klar, dass sich manche auch nach 50 Jahren nicht von dem Druck des eigenen Umfelds befreien können und immer noch verdrängen. Aber andere, die schon in den 30er Jahren eine „Zurückhaltung“ gegenüber den Regime gehabt haben, die setzen sich heute auseinander und behalten einen klaren und kritischen Blick. Und darum ging es mir gerade, keine Rechtfertigung zu fordern und zu hören, sondern zu spüren, wie bei diesen älteren Menschen die Vergangenheit heute noch lebendig ist.
Karlsruhe, 3. März 1996

