Hubert Linn, Jahrgang 1925
Das Interview fand in Winkels, am 8. Oktober 1995 statt.
... da haben sich zehn Mann angeschlossen, und da sind wir raus, auf die Straße nach Minsk. Am Stadtrand und auf der Straße stand alles voller deutscher Soldaten, und dann sind wir nicht die Straße entlang, sondern ein Stück im Wald.
Habt ihr eine Landkarte gehabt?
Nee, gar nichts, wir hatten keine Landkarte.
Und wie habt ihr euch orientiert ?
Wir haben uns an die Straße gehalten, und an den 150 km bis Minsk war nur Wald, da war alles verseucht von Partisanen, das war das Haupt-Partisanengebiet im Raum Minsk. Und da mussten wir auch aufpassen, wir sind hier entlang, und da kam ein Fluss, kurz davor haben wir Beschuss bekommen, und einer hat einen Schuss durchs Knie bekommen. Da wollten alle abhauen, aber da war ein Feldwebel und ein Unteroffizier und sagten: „Nein, wir müssen ihn mitnehmen!“ Dann haben wir eine Trage gemacht, und wir haben ihn tagelang geschleppt und nichts zu essen. Ich konnte den Mann keine zehn Meter mehr tragen, da bin ich zusammengeklappt. Jetzt kamen wir an den Fluss, aber keiner außer mir und einem Panzersoldaten konnte schwimmen, er war auch erst 18-19 Jahre alt. Wir sind rübergeschwommen, und da lag ein Floß, das haben wir rübergepaddelt, und da gingen jedes Mal 5-6 Mann drauf. Wir sind zwei Mal gefahren, dann waren sie alle drüben, und dann hatten wir zwei den gleichen Gedanken: ‘Wir hauen ab von der Truppe hier, da kommen wir sein Lebtag nicht nach Minsk.’ Ich habe mir schon ausrechnen können, dass wenn wir nicht zeitig in Minsk sind, da sind wir wieder im Kessel drin.
Da habe ich gesagt: "Komm, wir zwei, wir machen uns selbständig, wir machen uns ab." Wir sagten zu den anderen: „Wir kommen nach, wir müssen erst trocken werden.“ Bis wir uns wieder angezogen hatten, waren die etliche 100 Meter weit fort. Da sind wir zwei auf ein Haus zugegangen, da war noch eine Familie drin. Die waren gerade am Mittagessen, haben uns gleich Platz angeboten. Sie hatten eine Bohnensuppe und geriebene Kartoffeln gebacken, das wird hier auch viel gemacht. Wir haben uns satt gegessen, da haben wir noch gefragt: „Wo sind hier Partisanen ?“, und da hat der Mann noch gesagt: Lieber da raus, nicht da raus!“ War wirklich in Ordnung der Mann, und da sind wir wieder los.
In welche Richtung seid ihr gelaufen?
Richtung Minsk, immer Richtung Minsk.
Wie hieß Ihr Freund?
Das ist der größte Fehler, den ich gemacht habe. Wir beiden, wir haben uns nicht mal die Adresse gegenseitig gesagt.
Aber welchen Vornamen hat er gehabt?
Gar nichts, gar nichts, also da komme ich bis heute nicht drüber weg.
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