Die Waldensertäler
Eine evangelische Kirche in Italien, oder besser gesagt, eine italienische evangelische Kirche? Nichts aussergewöhnliches? Als ich 1997 diese Reportage anfing, hatte das Thema etwas Faszinierendes: „Bei den Waldensern handelt es sich um die einzige „häretische“ Bewegung aus dem Hochmittelalter, die sich bis zur Reformationszeit behaupten konnte“ (Dr. Albert de Lange Historiker, Vorwort zur Ausstellung). „Im Mittelalter unter dem Zeichen des Kreuzes von der katholischen Inquisition nahezu ausgerottet, hatten sich lediglich in Savoyen, in den unzugänglichen Bergtälern der Kottischen Alpen zwischen Frankreich und Italien, wenige Tausend Waldenser halten können“ (Dieter Balle: Reiseführer Kraichgau: Die Waldenser in Deutschland: Ihre Vorfahren kamen als Asylanten Seiten 11,12).
Die Täler, die Berge, die Flüsse, die Steinhäuser , die nun verlassenen Felder und Dörfer, die zugewachsenen Gebirgswege, das sind heute die Waldensertäler, der Ort, wo seit mehr als 700 Jahren die Geschichte der Waldenser stattfindet. Eine besondere Geschichte aus Verzweiflung und Glauben, aus Armut und Zähigkeit, aus Verfolgung und Heldentaten. Aber wie leben und denken die Waldenser heute? Nachfahren dieser Menschen, die sich im katholischen Italien als Protestanten behaupten konnten? Diese Reportage richtet den Blick auf das heutigen Leben der Waldenser, die Traditionen, die Arbeit, die Diakonischen Einrichtungen, das religiöse Leben, die Zukunftsperspektiven. Und trotzdem war es unmöglich, die Geschichte außer Acht zu lassen, weil diese Geschichte im religiösen Leben fest verankert ist, oder anders formuliert, das religiöse Leben ist die Geschichte der Waldenser. Und so wird sowohl der Reformationstag als auch der 17. Februar gefeiert, der Tag, an dem 1848 die Waldenser die Bürgerrechte zuerkannt bekamen. Die jährliche Synode beginnt mit einem Gottesdienst, bei dem die Ordinierung der neuen Pfarrer und Pfarrerinnen in Mittelpunkt steht, aber die Waldensersynode ist der Ort, wo die Anliegen der Waldenserkirche diskutiert werden, die Versammlung, die nicht ohne Stolz als gelebte Demokratie empfunden wird. Die Altenheime, das Gymnasium, das Heim für Behinderte .... wie gewohnt, und trotzdem in dieser Umgebung etwas Besonderes. Und als Kulisse bleiben die Berge mit versteckten Schätzen, die Möglichkeit für die Entwicklung des Tourismus, aber auch das Bangen um die waldensische Identität, das Zerbröckeln des Gemeindelebens, aktuelle Fragen, alles lebensnotwendig für eine kleine Minderheit wie die Waldenser.
Diese Reportage wurde als Ausstellung zum 300. jährigen Jubiläum der Waldenser in Deutschland (1999) konzipiert. Die Fotos finden ihre Ergänzung in Texten von Waldenserpfarrern und -pfarrerinnen, Diakonen und Laien, die einen „direkten Einblick“ in ihr Leben, ihre Ideen und Auseinandersetzungen geben.














